ÜBER MEINE ARBEIT

Welche Bedeutung haben die Mimesis der Krankheit und Weiblichen Krieger? 

Krankheiten sind mehr als nur Zustände, die einen ereilen und die man passiv erleidet, vielmehr sind sie etwas Positives: Eine kreative Leistung, die im Dienst der Selbstreparation steht. Krankwerden ist die ökonomisch bequemste Lösung für einen psychischen Konflikt, schreibt Sigmund Freud 1923 im Zusammenhang mit der Dora-Analyse. Bereits 1911 nannte er im Fall Schreber die Wahnbildung des Paranoikers einen Heilungsversuch und eine Rekonstruktion. Viktor von Weizsäcker hat körperliche Krankheiten dem Versuch der Lebensbewältigung und Gestaltung eines sich entfaltenden Schicksals zugeordnet. Die Somatisierung ist für ihn mehr als nur Ausdruck einer Konfliktvermeidung, sie ist vielmehr ein produktives (nicht nur krankhaft-neurotisch hemmendes) Prinzip wie die Psychisierung. Alexander Mitscherlich schreibt in Krankheit als Konflikt, dass zahlreiche Fälle hochfieberhafter Infekte den Eindruck erwecken, dem Patienten ein Moratotium gewährt zu haben. Vor dem Ausbruch der Krankheit befand sich dieser in einem Konflikt, der nicht lösbar schien, der seine infantilen Fixierungen aktiviert und seine regressiven Tendenzen gefördert hatte. Nach der Erkrankung zeigte sich, so Mitscherlich, dass die integrative Leistungsmöglichkeit des Ich gewachsen war, dass es realitätsgerechter entscheiden konnte. Dieter Beck kommt zu der Überzeugung, dass verschiedenste Körperkrankheiten ein Moratorium liefern können: In der Regression kann dem Ich mit Hilfe der Krankheit eine seelische Umstrukturierung gelingen, kann der Patient als ein neuer Mensch aus seiner Krankheit hervorgehen: mit einer besseren Beziehung zu sich selbst, seiner Arbeit, seiner Familie oder bestimmten Aspekten seines Lebens.

Die 400 v. Chr. lebende Sippe der Asklepiaden heilte Kranke durch Rituale und Zaubergesänge. Für sie war Heilen eine Sache der Priesterschaft und der Religion. Krankheit war Ausdruck der Erzürnung Gottes und wurde durch den brückenschlagenden Priester dadurch geheilt, dass er den Kranken zur Reue rief und ihn mit der Gottheit versöhnte. Der Priester stellte die zerbrochene Brücke zwischen Mensch und Gott dar - wurde der Kranke gesund, war auch das alte Gleichgewicht wiederhergestellt. Sein Leiden und seine Abwendung von Gott war ein Krank-Sein, denn es war der Mensch in seinem ganzen Sein, der sich in einem Ungleichgewicht befand. Kranksein diente lediglich als Hinweis, den verlorenen Zustand anzuzeigen und einen Bewusstwerdungsprozess einzuleiten. Heilen hieß damals HEILIGEN.  

„Es ist die Rolle des Schamanen, zwischen verschiedenen Wirklichkeiten zu vermitteln, um Krankheiten zu behandeln und Harmonie zwischen den physischen und spirituellen Dimensionen zu schaffen. Schamanismus ist eine Kombination von "Magie" und Medizin. Ein Schamane ist ein Krieger, der seine Macht zur Bekämpfung von Krankheiten, Dämonen und Praktiken der schwarzen Magie verwendet. Eine persönliche Krise, ein schweres Trauma, Nahtod-Erfahrung, Blitzschlag oder eine lebensbedrohliche Erkrankung kann als Berufung dienen, ein Schamane zu werden. Schamanen glauben, dass die ganze Schöpfung lebendig ist - Steine, Pflanzen, Tiere, Bäume und Fische - und arbeiten regelmäßig mit diesen Kräften der Natur. Die Grundlage der schamanistischen Arbeit ergibt sich aus seiner oder ihrer Beherrschung der Ekstase-Technik, in dem er oder sie in einen veränderten Bewusstseinszustand, bekannt als Trance, eintritt. Während dieser Zeit verlässt die Seele des Schamanen seinen Körper, um in nicht-physische Realitäten zu reisen, mit Geistern zu kommunizieren und Informationen für die Heilung zu gewinnen."
" ... ein Phänomen, das als "schamanistische Initiationskrise" bezeichnet wird, ein Übergangsritus für angehende Schamanen, der häufig mit körperlichen Erkrankungen oder psychischen Krisen einhergeht. Die bedeutende Rolle von Initiationskrankheiten bei der Berufung eines Schamanen findet sich in der detaillierten Fallgeschichte von Chuonnasuan, dem letzten Meisterschamanen ... Der verwundete Heiler ist ein Archetyp für eine schamanische Prüfung und Reise. Dieser Prozess ist für junge Schamanen wichtig. Sie erleiden eine Art Krankheit, die sie an den Rand des Todes drängt. Dies soll aus zwei Gründen geschehen: Der Schamane geht in die Unterwelt. Dies geschieht, damit der Schamane sich in die Tiefe wagen kann, um wichtige Informationen für die Kranken und den Stamm zurückzubringen. Der Schamane muss krank werden, um Krankheit zu verstehen. Wenn die Schamanen ihre eigene Krankheit überwinden, glauben sie, dass sie die Heilkraft erhalten und behalten, um all die Leiden zu heilen ..."

 

Carlos Castaneda: Bewusstheit und Wahrnehmung

„Das Prinzip des Montagepunktes (Orig. Assemblage Point) bildet den zentralen Aspekt der Lehre Don Juans. Der Beschreibung der Zauberer nach leben alle Lebewesen in einer Energieblase, einem „Kokon“. Dieser umgibt uns Menschen und stellt die Begrenzung unseres Wesens dar. In diesem „Kokon“ befindet sich, eine halbe Armeslänge hinter den Schulterblättern, der sogenannte Montagepunkt, der die Größe eines Tennisballs hat. Das Universum besteht nach den Lehren Castanedas aus unendlich vielen Energiefäden, die sich, jeder für sich, ihrer selbst bewusst sind. Der Montagepunkt bündelt alle Energiefasern, die durch ihn hindurchgehen. Da jede Faser Informationen über die Welt beinhaltet, findet durch die Bündelung Wahrnehmung statt. Das heißt, die Lebewesen nehmen wahr, weil die Energiefasern des Universums im jeweiligen Montagepunkt gebündelt werden. Da sich der Montagepunkt aller Menschen nahezu an (fast) derselben Stelle befindet, nehmen alle Menschen auch dieselbe Welt wahr, nämlich unsere Alltagswelt, d. h. eine Welt von festen Objekten. Nach Castaneda ist es aber möglich, diesen Montagepunkt zu verschieben, was bedeutet, dass andere Energiefasern durch ihn hindurchgehen, somit ändert sich nun die Wahrnehmung des betreffenden Menschen. Das Ziel der Zauberer ist es, den Montagepunkt an eine Stelle zu verschieben, an der die Wahrnehmung von Energie als Energie möglich wird, also eine Interpretation zum festen Objekt unterbleibt und der Fluss der reinen Energie wahrgenommen wird. Eine Verschiebung des Montagepunktesmüsse willentlich „beabsichtigt“ werden, die wichtigste Disziplin dazu ist das „Anhalten des inneren Dialogs“, welches u. a. auch durch die Einnahme psychotroper Substanzen erreicht werden kann, aber auch durch Hunger, starke Erschöpfung, extremen Stress oder z. B. Kriegserlebnisse. Der wichtigste Gedanke zum Montagepunkt ist, dass die Welt, die der normale Mensch wahrnimmt, nur eine von vielen hunderten ist.“

Quellenangabe:

— Hans Blüher: "Traktat über die Heilkunde", 1928
— Thorwald Detlefsen: "Schicksal als Chance", 1979
— Viktor von Weizsäcker: "Körpergeschehen und Neurose", 1947
— Viktor von Weizsäcker: "Warum wird man krank?", 2008  
— Sigmund Freud: "Studienausgabe", 1989 
— Alexander Mitscherlich: "Krankheit als Konflikt", 1966  
— Dieter Beck: "Krankheit als Selbstheilung", 1981
— Hermann Nunberg: "Allgemeine Neurosenlehre auf psychoanalytischer Grundlage", 1981 
— Wikipedia (engl.): "Shamanism" 
— Wikipedia (deutsch): "Carlos Castaneda"


In diesem Kontext sind meine Bildfindungen zu sehen: Die eine Ebene des Erleidens einer Krankheit wird von einer zweiten Ebene, der kreativen Haltung des Protagonisten, durchdrungen. Deshalb haben meine Arbeiten meist zwei Titel. Der Weibliche Krieger ist eine Person, die sich im Prozess der Heilung und einem damit einhergehendem Bewusstwerdungsprozess befindet, der auch zu einer Berufung, ein Schamane zu werden, führen kann. Die dunkelste Stunde der Nacht ist der Moment kurz vor Sonnenaufgang, der Schritt in ein neues Leben auf unserem Weg zurück zu Gott. Krankheit ist bereits Heilung und Verwandlung.

Die Kriegerin ist ein Topos, den ich den Schriften Carlos Castanedas entlehnt habe. Ich stelle Krankheitssymptome dar, aber, was wie ein passives Erleiden erscheinen mag, ist - ein Paradoxon - schon der eigentliche Heilungsprozess, also der aktive Schritt (als Krieger/Kriegerin) aus einer verfahrenen Situation, die nicht (mehr) dem Lebensweg entspricht und zur Umkehr (religio) führt. Begriffe aus der Psychiatrie, Psychosomatik und des Schamanismus decken sich hier.


Welche Bedeutung hat das leuchtende Blau in einigen Bildern und Filmen?
 
Zuerst stieß ich auf diese Farbe in den Schriften von William S. Burroughs, der sie als orgonotisch definiert und erklärend aus der Forschung von Wilhelm Reich zitiert. Was ist dieses orgonotische Blau? Reich beschreibt die von ihm entdeckte Orgonenergie als eine kosmische Lebensenergie, die überall in der Atmosphäre vorhanden ist. Unter dem Mikroskop hat Reich blau pulsierende Blutkörperchen beobachten können. Energetisch schwache Zellen, insbesondere Krebszellen, weisen diese blaue Strahlung nicht auf. Wilhelm Reich schreibt in Die Entdeckung des Orgons / Der Krebs, dass das rote Blutkörperchen ein winziges orgonotisches System sei, welches ein kleines Quantum von Orgon innerhalb seiner Membran enthält. Bei 4000 x Vergrößerung kann man beobachten, dass rote Blutkörperchenstark blau schimmern und im Inneren kräftig vibrieren, sich strecken und zusammen ziehen, sie seien also nicht starr, wie man allgemein glaubt, sondern Träger des atmosphärischen Orgons von den Lungen zu den Geweben. Die orgonotische Aufladung der roten Blutkörperchen zeige sich auch in Form und Struktur. Schwach geladene Zellen seien mehr oder weniger geschrumpft und hätten einen schmalen und schwach schimmernden Rand. Sei der Organismus geladen, würden die roten Blutkörperchen prall, der blaue Rand intensiver und breiter, und füllte manchmal die ganze Zelle aus. In der Nähe solcher orgonotisch stark geladener Blutkörperchen könne kein pathogener Organismus existieren. Mittels eines von Reich entwickelten und in seiner Therapie erfolgreich eingesetzten Orgonakkumulators kann sich sowohl ein Patient als auch jede andere Person orgonotisch aufladen und so Lebensenergie zuführen. Burroughs hat, wie sich sein Sohn im Nachwort von Speed erinnert, stundenlang in Tanger auf dem Dach seines Hauses in einem selbst gebauten Orgonakkumulator gesessen, um irgendwann herauszustürzen, sich an seine Schreibmaschine zu setzen und an Naked Lunch zu schreiben. Später bin ich in Novalis' Heinrich von Ofterdingen auf die Blaue Blume gestoßen und nachfolgend auf das Neue Testament. Hier schließt sich der Kreis. All dies ist in meinen eingefärbten Bildern und Filmen enthalten.

Christiaan Tonnis